Berge, Klettern, Wandern, Klettersteig, Umweltschutz

Nachruf:

Erstbegeher im Werratal: Ernst Henn starb am 29.3.

Ernst Henn
15.10.1931– 29.03.2019

Der 29. März begann als ein herrlicher Urlaubstag an der Nordsee. Kurz vor Mittag bekam ich von einer Kletterkollegin eine SMS mit dem Inhalt, dass Ernst Henn im Krankenhaus im Sterben liegt. Ich war geschockt. Gewiss: Ernst war beachtliche 87 Jahre alt, aber doch bei bester Gesundheit. Wenig später erhielt ich den Anruf mit der traurigen Todesnachricht.
Seit 1982 sind wir zusammen geklettert und ich erinnerte mich, wie alles begann. Drei Kletterneulinge fuhren zum Treffpunkt auf dem Parkplatz Hallenbad Ost nach Kassel, um mit Mitgliedern des Alpenvereins Kassel zu klettern. Es ging zu den Bruchhauser Steinen. Die damaligen Spitzenkletterer, zum Beispiel Adolf Bürger, drückten uns Ernst Henn aufs Auge. Ernst war Lehrer, der sollte uns die Grundlagen des Kletterns beibringen. Er war geduldig, obwohl er bestimmt andere Vorstellungen vom Ablauf des Tages hatte. Wir erkannten seine Umsicht und Zuverlässigkeit beim Sichern, so dass uns die Höhe der Felsen im Nachstieg nichts ausmachte. Niemand konnte ahnen, dass sich im Laufe der Zeit eine Kletterpartnerschaft und dann auch Freundschaft zwischen uns entwickeln würde. Ernst kletterte damals technisch versiert in leichten Bergschuhen Routen bis zum sechsten Grad, die nach heutigen Maßstäben dürftig mit alten Normalhaken abgesichert waren, an den bekannten Kletterfelsen im Werratal, an der Steinwand, im Ith und Okertal. Als er später auf Reibungsschuhe umstieg, gelangen ihm in den neunziger Jahren im Alter von über 60 im Vorstieg zahlreiche Routen bis zum achten Schwierigkeitsgrad.


Mit dem Klettern begonnen hatte Ernst Henn nach seinen Angaben zu Beginn der sechziger Jahre, als er nach seiner Ausbildung zum Gymnasiallehrer für Geschichte und Deutsch eine Anstellung am Gymnasium in Sontra bekam. Anhand geologischer Karten fand er schnell die bekletterbaren Zechsteinfelsen im Werratal. Stark verrostete Haken am Habichtstein deuteten darauf hin, dass dort schon zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts geklettert wurde. Es gab zunächst keine Kletterverbote oder Einschränkungen, keine Maßnahmen, um Sicherungshaken unbrauchbar zu machen. Geachtet wurde von den Kletterern selbstverständlich auf Vogelbrut und auf eine möglichst geringe Belastung der Felsen, Müll wurde keiner hinterlassen. Dieses goldene Zeitalter endete um die Jahrtausendwende. Es entstanden im Werra-Meißner-Kreis Bestrebungen, diesen angeblich sinnlosen und gefährlichen Sport zum Schutz von Fauna und Flora in der freien Natur gänzlich zu verbieten.
Ernst Henn verbrachte mehr Zeit mit Kasseler Kletterern an der Hohen Wand bei Wien, im Tessin am Lago Maggiore und insbesondere in Südfrankreich. Dort kletterte er im Vorstieg mit über 70 Jahren noch Routen im siebten Grad. Seine heimliche Liebe waren aber wahrscheinlich die Klettergebiete in der Fränkischen Schweiz. Auf der Hinfahrt erfolgte, wenn wir Pretzfeld erreichten, immer der fröhliche Hinweis darauf, dass jetzt die Ferien begännen.

Weite Fahrten wollte er sich in den letzten Jahren nicht mehr zumuten. Dem Klettern blieb er aber trotzdem treu. Öfters war er jetzt wieder an den Felsen in der näheren Umgebung und in verschiedenen Kletterhallen. Bis zuletzt kletterte er noch im sechsten Grad, so dass wir inzwischen auch über sechzig Jahre alt Gewordenen nur staunen konnten. Allein der eine oder andere Fluch von seinen Lippen verriet, dass einige Kletterrouten ihm auch nicht mehr so leicht fielen wie früher.
Erinnernswert ist außerdem, dass Ernst Henn sich aktiv der klassischen Musik an seinem Flügel widmete, Artikel und Bücher über die Geschichte von Sontra, das Kloster in Germerode und die Boyneburg schrieb und auch gern bereit war, Freunden mit seinen germanistischen Fähigkeiten bei der Verfassung von Texten zu helfen.
Nun hat uns Ernst Henn unerwartet verlassen. Sollte mit dem Tod noch nicht das letzte Wort gesprochen worden sein, dann gibt es bestimmt ein Kletterparadies ohne die Regelungswut unserer heutigen Zeit. Er kann dann schon einmal in Ruhe schöne Routen suchen und ausprobieren. Irgendwann werden wir uns dann anschließen und ein Team bilden, wie es in der goldenen Zeit gewesen ist.

Karl-Heinz Berneburg im April 2019
auch im Namen von Lydia und Joachim Douillard, Rolf Leimbach, Dr. Ulrich Nortmann und Fritz Mayr

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